Vom Kinderzimmer zum Molotov-Cocktail ist es nur eine Revolution entfernt!

 

Vorwort:

 

Hierbei geht es NUR um meine eigenen Erlebnisse in Bezug auf die iranische islamische Revolution.

Ich schreibe bloß meine Erinnerungen nieder. 

So lasse ich die Revolution aus Sicht eines fünf jährigen Mädchens Revue passieren.

Die Reihenfolge der tatsächlichen Ereignisse fließt nicht mit hinein.

 

✍✍

"Das Haus"

 

Um diese Geschichte zu verstehen ist es zunächst wichtig zu wissen, wie iranische traditionelle Häuser gebaut sind.

 

Durch enge Gassen die nur für Fußgänger vorgesehen sind, passiert man ein Tor oder eine recht große Tür und landet erst einmal im Hof des Hauses und kommt nicht direkt ins Haus hinein.

Der Hof ist meist sehr großzügig angelegt und in der Mitte befindet sich ein flacher Teich, aus dem das Wasser von allen Seiten raus plätschert und in ein zweites Becken läuft.

 

So ein Becken ist sehr kunstvoll und aufwendig mit orientalischen Mosaiken gebaut und wird gerne durch einen Brunnen und Goldfische die darin schwimmen aufgewertet.

Die Blumenbeete und Rasenflächen werden rund um den Hof und nicht mittig angelegt.  

                                                                                

Das verschafft gerade in den heißen Sommer Nächten einen wunderbaren Platz, an dem man draußen sitzen, essen und den Tag ausklingen lassen kann.

Eine Oase der Entspannung im eigenen Haus.

 

Die Wohnräume sind seitlich des Anwesens aufgebaut und gehen meist über zwei Etagen.

Die unteren benutzt man, jedenfalls war es bei der Familie meines Vater die in solchen Häusern lebt so, als Küche, Waschraum etc.

Die Oberen, die mit einer Veranda ausgestattet waren, wurden in Wohn-, Schlaf- und Gästezimmer-Empfangszimmer aufgeteilt.

 

In Deutschland benutzt man das Gästezimmer als Schlafzimmer.

Im Iran wird ein Gästezimmer mit edlen Möbeln bestückt und darf im Grunde nur benutzt werden, um Gäste darin zu empfangen.

Gerne werden die Kinder aus solch einem Zimmer von der Mutter verjagt. 

Da man nie weiß, wann ein Gast einen beehrt, muss dieses Zimmer stets picobello in Schuss sein.

 

Die Fenster solcher Häuser sind mit bunten Gläsern, meist in aufwendiger Handarbeit herstellt die nicht sehr viel Licht durchlassen.

Dies soll vor den wunderbar warmen Sonnenstrahlen schützen, und die Innenräume kühl halten.

Jedoch kann man auch nicht durch solche Fenster nach außen schauen, wenn diese geschlossen sind.

 

Gerne dürfen die Kinder auf dem Hof spielen, jedoch mit der Anmerkung, sie dürfen nie ohne Erlaubnis der Erwachsenen das Haus verlassen und raus gehen.

 

Bloß.....welches Kind nimmt das schon so genau, wenn es andere Kinder draußen toben und spielen hört?

Ich jedenfalls nicht!

 

👮

"Der Soldat"

 

Zwischen der Kaserne der königlichen Soldaten und unserem Haus, welches der traditionellen Bauweise nachempfunden war, standen zwei andere Häuser.

 

Wand an Wand gebaut, waren diese Häuser mit falschen Dächern bestückt. Auf das Dach zu gelangen war weder für Kinder noch Erwachsene eine große Sache. 

 

Meist stand eine Leiter griffbereit, immerhin haben wir viele Sommernächte auf dem Dach auf eine Art Futon-Bett, unter einem Mückennetz geschlafen.

 

Es ist himmlisch, wenn man nachts unter dem Sternenhimmel einschlafen kann. Gerade solche Erlebnis fehlen mir heute am aller meisten und lassen meinen Heimweh umso größer werden.

🙋

 

Ich spielte an einem Nachmittag nichts ahnend in unserem Hof und stopfte wie gewöhnlich die armen Goldfische im Becken mit allerlei Zeug voll als ich bemerkte, dass sich Soldaten der königlichen Garde, wie Ameisen versuchten sich über die Mauer der Kaserne und dann über die Dächer der anliegenden Häuser zu retten.

 

Plötzlich waren Schüsse zu hören und innerhalb weniger Sekunden brach Panik aus.

Die Grausamkeit der Situation wurde durch allerlei Rufen verstärkt und just in diesem Moment rief ich meine Mutter, die wie ein geölter Blitz aus dem Haus gerannt kam und mich rein holte:

 

„ Mama, Mama…schau…der Kopf von dem Soldaten ist geplatzt! 

Er ist aber noch ein wenig weiter gerannt. “sagte ich zu meiner Mutter.

 

Im Inneren des Hause brach ein Streit zwischen meiner Mutter und ihrem trotzigen Mädchen aus, das weiter spielen und schauen wollte, was draußen passiert.

Gott fand ich in diesem Moment meine Mutter unfair! 

Wie konnte sie mich nur vom Spielen mit meinen Goldfischen abhalten?

Die Soldaten fallen doch bloß runter! 

Kann doch gar nicht so schlimm sein! Jeder fällt doch mal!!!!

 

Zum Glück kann man durch verschlossene orientalische Fenster nicht nach Außen schauen.

 

🏃

"Die Flucht"

 

Als mein Vater von der Arbeit nach Hause kam, brannte die Kaserne bereits lichterloh.

 

Die Soldaten die bis dahin nicht geflohen oder erschossen worden waren…...ja! 

Was passierte wohl mit ihnen? 

Ich weiß es nicht.

 

Meine Eltern packten das nötigste ein. Danach brachte mein Vater  meine Mutter und mich bei seiner Schwester unter, während er versuchte unsere Wertsachen mit Helfern aus dem Haus zu schaffen.

 

Bei meiner Tante angekommen, verschwanden die Frauen in einem Zimmer um meine Mutter die in einer Schock-starre gefallen war zu versorgen.

Die Männer haben die ganze Nacht versucht auch anderen Familien aus dem Gebiet zu retten.

 

Denn hätte das Feuer auf die umliegenden Häuser übergegriffen, wären so einige Existenzen ausgelöscht worden.

Von den Zivilisten die ihre Leben gelassen hätten bzw. haben ganz zu schweigen.

 

Diese Nacht war hell! 

Es brannte und die Menschen waren sich selbst überlassen, mit einer ihnen unbekannten Situation.

Jeder hat versucht irgendwie zu helfen, zu retten, was noch zu retten war.

 

🙆

"Langeweile"

 

OHHHH hatte ich bei meiner Tante mit ihren Teenie-Kindern Langeweile.

 

Mein Zimmer mit einem Berg an Spielzeug, war nicht als wertvoll genug einstuft worden und staubt zu Hause vor sich hin.

Die Goldfische meiner Tante durfte ich auch nicht stündlich füttern und, dass meine Cousinen und Cousins nicht das geringste Bedürfnis verspürten mit mir zu spielen machte die Sache auch nicht einfacher!

 

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg und so nervte ich meine Tante so lange, bis sie ihre Söhne anwies mich mitzunehmen, wenn sie nach draußen gehen.

 

„Beschäftigt sie und lasst sie keine Sekunde aus den Augen!“

 

Meine Cousins nahmen mich somit widerwillig an die Hand.

Nach dem wir durch einige Gassen gelaufen waren, kamen wir bei eine Gruppe „Revolutionäre“ an.

Die Gruppe war gemischt und bestand aus Erwachsene, Jugendliche und auch Kleinkinder die anderen aufgezwungen worden waren.

 

Sofort wurden in der Gruppe die Aufgaben verteilt und mir ein Laken in die Hand gegeben, die ich zerreißen dürfte.

 

Als wir uns alle zum Abendessen wieder im Haus eingefunden hatten, stellte meine Mutter fest, dass ich nach Benzin roch und wollte voller Stauen wissen, womit zur Hölle ich den ganzen Tag den gespielt hatte?

 

Froh, glücklich und erschöpft von einem langen Spieltag mit den anderen Kindern antwortete ich:

 

„ Das war toll Mama! 

 

Wir haben soooooooooo viele Tücher zerrissen und die Jungs haben Cola-Falschen mit Benzin gefüllt!

Darf ich bitte bitte morgen noch mal spielen gehen?

Bitte sag ja!

Bitte sag Ja!“ 

 

Innerhalb wenigen Sekunden packte meine Mutter unsere Sachen und flüchtete mit mir zur ihrer eigenen Eltern.

 

Jahre später, als ich im Zuge der Ausbildung als Hotelfachfrau einen Cocktail-Kurs belegt hatte und der Ausbilder gefragt hat, ob jemand schon mal Cocktails gemacht hat, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen:

 

„Ja, Molotov- Cocktail!“

 

Erst in diesem Moment habe ich begriffen, was damals wirklich passiert war!

 

👼

"Der Heilige Gral"

 

Bei den Großeltern war es nicht unbedingt besser.

Die Geschwister meiner Mutter die noch zu Hause lebten, waren zu alt um sich mit mir zu beschäftigen und meine Langeweile wurde größer und größer.

Heimweh und Fernweh zu meinen Puppen die einsam und alleine in meinem Zimmer nach mir riefen, war immens.

Meine Großeltern unternahmen alles in ihrer Macht stehende, um mich in dem chaotischen Zustand des Landes zu unterhalten.

 

So nähte man mir den lang ersehnten Tchadoor und meinen eigenen Gebetsteppich, den ich schon immer haben wollte.

Meine Ur-Oma lebte noch und ich wollte eben (Füße auf dem Boden stampfend) auch so Zeug haben wie „Nanne joon“!

 

Auch das Arbeitszimmer meines Opas stand mir zum Malen und Spielen zur Verfügung, mit der Anweisung, mich von einem einzigen verschlossenen Schrank fernzuhalten. 

Der Inhalt wäre nichts für kleine Kinder!

 

Just in diesem Moment verwandelte sich der Schrank in einem Zauberwesen, glitzernd, leuchtend und nach mir rufend!

 

Es dauerte nicht lange, bis ich mich an diesen Schrank ran gemacht hatte. Er war voller Bilder! 

Bilder welche die iranische Revolution für die Nachwelt dokumentiert sollten.

 

Jedoch war ich als Kind,.... doch die „Nachwelt“ oder etwa nicht?

Die Bilder sollten doch mein Erbe sein, oder etwa nicht?

Somit hatte ich doch das RECHT mir diese Bilder anzuschauen, oder etwa nicht?

 

Endlich wusste ich vor allem, wohin die Erwachsene Nacht für Nacht mit ihren Kameras verschwanden.

Mich haben sie also ins Bettchen gesteckt, während sie Nächte lang Fotos in den Leichenhallen erstellt und OHNE MICH SPAß hatten!

 

Sauerei! 

Die gemeinen Erwachsenen lassen mich NIE MITMACHEN! NIE!

 

Heute noch habe ich Albträume, wenn ich an die zerfetzen blutigen Leichen denke.

 

🍔

"Der Hamburger"

 

So langsam kehrte einigermaßen die Normalität zurück, soweit man während einer Revolution von einer Normalität überhaupt sprechen kann und wir gingen wieder zurück nach Hause.

 

Man versucht alles um das Leben wie gewohnt weiter zu führen.

So gingen meine Mutter und ich zum Basar um Obst und Gemüse zu kaufen, als meine Mutter plötzlich anfing herum zuspringen, während sie mich auf den Arm nahm, dem Händler schnell noch das Geld übergab, sich den Einkauf schnappte und wegrannte!

 

„Mama tanzt du?“

„Nein Laleh, es wird geschossen!“

 

Die Anpassungsfähigkeit der Menschen in solchen Situationen ist beachtlich.

 

So schlug mir meine Mutter während der Revolution noch nicht einmal den Wunsch nach einem Hamburger aus.

Es war ja auch nicht so, dass immer und überall Chaos herrschte.

Allerdings entstand das Chaos genauso gerne überall und vor allem recht plötzlich.

 

Tehran war damals schon eine beachtlich große Stadt. Heute soll sie sogar noch größer geworden sein.

Manche Einwohner sagen, sie müssen die Stadt täglich neu kennenlernen. So schnell wächst sie.

 

Meine Mutter fuhr also mit mir stundenlang durch die Stadt, auf der Suche nach einer offenen Hamburger Bude!

Endlich waren wir fündig geworden und ich nahm voller Freude den ersten biss, als ein LKW durch die Straße fuhr.

 

Die Ladefläche war voller Leichen und die Männer, die zwischen den Toten standen, tunkten ihre Hände ständig in ihr Blut und hoben sie hoch, oder schmierten es sich in ihre Gesichter.

Das Blut lief an ihren Armen runter oder tropfte aus dem LKW auf dem Boden. Sie fuhren recht langsam. Schrien man solle doch hinschauen und wahrnehmen, welche grausamen Taten die Garde des Königs vollbracht hatte.

 

Das Leben drumherum ging jedoch seinen gewohnten Gang. 

Es war nicht so, dass alle in Anbetracht dieser Bilder in Panik geraten sind.

Immerhin war das auch nicht mehr ganz neu!

 

Der Bissen von dem leckeren Hamburger blieb mir als Kind jedoch im Hals stecken.

Beim nächsten Blick auf mein Essen, sah ich den Ketchup der um den Burger herum runterlief, hielt es für Blut, fing an zu weinen und wollte es nicht mehr!

 

Entsetzt sagte meine Mutter die meine Gedanken in diesem Moment nicht lesen konnte:

 

„Jetzt fahre ich mit dir stundenlang in der Gegend rum, für einen einzigen Bissen?“

 

Keine Sorge, Ketcup und ich sind wieder Freunde. Alles gut!

👥

 

"Tag X"

 

Die Revolution näherte sich so langsam dem Ende zu und eine ungewöhnliche Euphorie brach aus.

 

Auf den Straßen auf denen sich vorher zwei Lager bekämpften hatten (Shahs-Garde & Revolutionäre), herrschte Einigkeit, denn diese waren nun vollständig unter Kontrolle der Revolutionäre.

 

Die Menschen lachten und waren glücklich über den Neuanfang. 

Eine Welle der Freude, Seufzer der Zufriedenheit und Erleichterung zog durch das Land.

 

"Ab jetzt wird alles gut! Das Volk wird ab sofort selbstbestimmt in einer Demokratie leben.

Emam Khomeyni wird uns die Freiheit der Presse, 

Wahlen und Menschenrechte bringen. 

Der Erlös aus dem Erdöl-Geschäft wird in den Fortschritt UNSERES LANDES fließen!"

 

An dem Tag, an dem Emam Khomeyni durch die Strassen Tehrans fuhr, waren sämtliche Mittelstreifen mit Blumen beklebt.

Meine Mutter die vor Erschöpfung kaum noch stehen konnte, trug mich stundenlang auf den Schultern, um ja den Einzug des Emams nicht zu verpassen.

 

Immerhin hatte meine Mutter Tage und Nächte zuvor damit verbracht, Medikamente, Verbandsmaterial und ja sogar Luftballons als Zeichen des Friedens zu verteilen, zu helfen und jedem, ob bekannt oder fremd beizustehen.

 

Das Land war zusammen gewachsen. 

Wir waren eins. 

Ein Volk, ein glückliches und zufriedenes Volk, mit den besten Absichten für die Zukunft.

Niemand kann diese Stimmung nachvollziehen, der an diesen Tagen nicht dabei war.

Etwas Ähnliches habe ich nie mehr erlebt.

Es war, als ob jeder pures Glück atmen wurde.

 

Zwei Jahre später, stand ein Auto voller Revolutionswächter, bewaffnet bis unter die Zähnen vor der Tür, als meine Tante, Mutter und ich das Haus verlassen wollten.

Noch immer glaubten wir an die Versprechungen des Emams, 

dass im Iran jeder für sich bestimmen durfte, 

ob er ein islamisches Leben führen möchte oder eben nicht!

 

„Ab heute verlässt keine Frau mehr das Haus ohne ein Kopftuch!“

Mahnten uns die Wächter mit erboster Stimme!

 

Meine Tante und Mutter konnten sich bei aller Liebe das Lachen nicht verkneifen und fragten charmant die Herren, was das für ein Witz sein sollte?

 

„AB HEUTE GEHT KEINER mehr von euch ohne ein Kopftuch raus. Sonst nehmen wir euch alle mit. Der Emam hat das so befohlen!“

 

Wir: „ääähmmm ne ne!!!! Das war sooo nicht abgemacht!“

 

Nun half alles nichts. 

Wir hatten einen Termin und kamen ohne Kopftuch nicht an den Wächtern vorbei!

 

Das viel größere Problem war je doch, dass wir gar keine Kopftücher hatten!

So nahmen wir einige kleine Tüchelchen, die man sich gerne in den 70er  als Modeaccessoires um den Hals gebunden hat, und bedeckten damit so viele Haare, wie es nur möglich war.

 

Einige Straße weiter nahmen wir die Tücher wieder ab,

lachten immer noch über die depperten Wächter und dachten:

 

„Das werden sie im IRAN NIE IM LEBEN durchsetzen können! Wir haben Gesetze, eine Jahrtausend alte Kultur, sind zudem fortschrittlich und westlich. 

Das müssen verrückte gewesen sein!

 

Nie im Leben würde der Emam UNS das antun.

ER hat uns die Freiheit versprochen!“

 

Die Gesetze des Landes wurden praktisch über Nacht durch die Sharia ersetzt und das iranische Volk staunt und rätselt nun seit 40 Jahren darüber, wie all das bloß geschehen konnte!

 

Bereits an diesem Tag, noch vor der Flucht nach Deutschland verlor ich meine Heimat.

 

😱

 

Wenn ich jetzt Deutschland sehe, dann sehe ich die gleichen Zeichen wie damals, nur das ich diesmal kein Kind mehr bin und dagegen ankämpfen kann. 

 

Ankämpfen gegen die Islamisierung Deutschlands, 

um meiner NEUEN HEIMAT das zu ersparen was dem Iran widerfahren ist.